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Gastbeitrag: Münte in Weinheim

Von Dieter Lattermann

„Man muss das Leben nehmen, wie es ist, aber man darf es nicht so lassen.“

Ein 100 Jahre alter Genosse hat Franz Müntefering diesen Rat gegeben und damit offene Türen eingerannt. Der Rat ist kein Rezept für politisches Handeln, wohl aber eine Aufforderung, sich einzumischen und Veränderungen anzustreben. Das hat Franz Müntefering immer getan, und darüber hat er bei einer Veranstaltung „Im Gespräch mit Lothar Binding“ in Weinheim vorigen Freitag berichtet.

Eine Stadthalle voller Menschen erwartete den alten und neuen Parteivorsitzenden und Hoffnungsträger der Sozialdemokraten. Sie wurden nicht enttäuscht.

Franz Müntefering in Weinheim

Franz Müntefering in Weinheim

Es begann mit Erzählungen aus seiner Jugendzeit – neben dem fehlenden Geld für den Besuch einer weiterführenden Schule spielte auch die Vorliebe für den Fußball eine Rolle: „Volksschule war mir recht, da hatte ich mehr Zeit zum Fußballspielen“. Aber Bücher kamen dazwischen, von denen er reichlich konsumierte. „Menschen haben Verantwortung und müssen sich einmischen“, lernte er aus ihnen. 1966 trat Franz Müntefering in die SPD ein. Verantwortung, das ist etwas, was sich durch das Leben von Müntefering zieht. „Opposition ist Mist“, hat er einmal gesagt, Verantwortung muss man tragen, wenn man etwas erreichen will. Dem Pragmatismus redet er das Wort: „Wenn man ein Ziel hat, muss man nicht unbedingt in Schussfahrt dorthin kommen, vielleicht geht es im Slalom, aber auf keinen Fall im Kreisverkehr“.

Aber auch aktuellen Themen ging Müntefering nicht aus dem Weg: „Wir müssen über Grundsätze sprechen“, betonte er. Globalisierung und Finanzkrise werden Themen der kommenden Monate sein und, wie der notwendige gesellschaftliche Wandel stattfinden solle. „Darauf müssen wir Antworten geben“, sagte Müntefering, und „die müssen solidarische sein.“

Sonderparteitag in Berlin

Ich sitze mit unserer Europakandidatin Stella Kirgiane-Efremidis und Helen Heberer im ICE und lasse den eben zu Ende gegangenen Sonderparteitag in Berlin Revue passieren. Steinmeier ist nominiert, Münte gewählt, Stimmung gut. Jetzt geht’s also los.

Andrea Nahles hatte den Parteitag eröffnet. Ein „Sonderparteitag“ war es, weil die Partei sich zu ihren regelmäßigen, mehrtägigen Bundesparteitagen ansonsten alle zwei Jahre trifft, zuletzt 2007 in Hamburg als das Grundsatzprogramm verabschiedet wurde. Dieser außerordentliche Parteitag wurde wegen der Nominierung eines Kanzlerkandidaten und der Wahl eines neuen Parteivorsitzenden einberufen. Andrea sagte aber auch, dass dies ein „Sonderparteitag“ sei, weil er in ganz besonderen Zeiten stattfinde. Zeiten, in denen der Turbokapitalismus sein zerstörerisches Gesicht gezeigt hat. Zeiten, in denen der Glaube an freie Märkte einen entscheidenden Dämpfer erhalten hat. Zeiten aber auch, wo der Staat eine Renaissance als ordnende Kraft erleben kann und internationale Zusammenarbeit auch von denen anerkannt wird, die bislang dachten, sie kämen auch alleine zurecht. Als Optimist sehe ich in der Krise auch die Chance – auf bessere Regeln, auf mehr Kooperation, vor allem darauf, dass der Mensch wieder mehr ins Zentrum rückt. Denn Wirtschaft, Staat, Politik, sie sind letztlich für die Menschen da, darauf müssen wir uns wieder besinnen.

PS: „Wann wir schreiten Seit’ an Seit’“ muss ich jetzt endlich mal auswendig lernen, damit ich das nächste Mal ordentlich mitsingen kann.


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